„Food Fraud“: Eine neue Herausforderung für die Lebensmittelindustrie

Die zuneh­mende Glo­bali­sierung von Warenströmen und ins­be­sondere die Ent­hül­lung des Pfer­de­fleischfalls im Jahr 2013 haben ein neues Schlagwort hervor­gebracht, das in der inter­na­tio­nalen Lebens­mit­tel­wirt­schaft zuneh­mend an Bedeu­tung gewinnt: „Food Fraud“. Auch für die Kri­sen-PR ist der Begriff von hoher Relevanz. Yas­emin Eckert, Ber­ate­rin bei Engel & Zimmermann, hat sich mit dem Thema bereits aus­ein­anderge­setzt.

 

a) Defi­ni­tion des Begriffs „Food Fraud“

„Food fraud is a collec­tive term used to encompass the delibe­rate and inten­tio­nal sub-sti­tu­tion, addi­tion, tampering, or misre­presenta­tion of food, food ingredients, or food packaging; or false or mis­lea­ding state­ments made about a pro­duct, for econo­mic gain.”  So lau­tet die Defi­ni­tion des Begriffs „Food Fraud“ in der aktuel­len „Encyclo­pedia of Food and Health“, die die Bestim­mun­gen der EU-Kommis­sion kurz fasst. Dem­nach wird „Food Fraud“ (dt.: Lebens­mit­tel­betrug) als eine vor­sätzli­che Ver­letzung lebens­mit­telrecht­li­cher Vor­schrif­ten ver­standen, die dazu dient einen finanzi­el­len oder wirt­schaft­li­chen Vor­teil zu erzie­len. Allerdings gibt es bis dato weder eine offizi­elle Defi­ni­tion für Lebens­mit­tel­betrug in der EU-Gesetzge­bung noch spe­zi­fi­sche staa­tenüber­greifende Instrumente, um straf­recht­lich relevan­ten Tat­sa­chen in der inter­na­tio­nalen Lebens­mit­tel­wirt­schaft zu begeg­nen.

Um dieser recht­li­chen Grauzone zu begeg­nen, fördert die EU-Kommis­sion aktuell die Ent­wick­lung von analy­ti­schen Methoden, mit Hilfe derer Lebens­mit­telver­fälschun­gen schnel­ler und ein­fa­cher erkannt wer­den kön­nen. So sol­len etwa diverse Melde-, Informa­ti­ons- und Aus­wer­tungs­sys­teme sowie die Wei­ter­entwick­lung lebens­mit­tel­analy­ti­scher Methoden zur Authentizitäts­prüfung von Lebens­mit­teln dafür sorgen, zukünf­tige Betrugsfälle zu ver­hindern, frühzei­tig auf­zu­de­cken und EU-weit zu kom­mu­nizie­ren.

 

Für Lebens­mit­telher­stel­ler und Händ­ler bedeu­tet dies im Zusammen­spiel mit ihren Liefe­ran­ten, dass sie sich künf­tig auf einen wei­te­ren Aus­bau der bereits vor­hande­nen inter­na­tio­nalen Normen und Standards zur Lebens­mit­tel­si­cher­heit vor­be­rei­ten müs­sen. Laut Bran­chen-Exper­ten zeichnet sich bereits jetzt ab, dass es zusätzli­che Ver­fah­ren und Prüf­sys­teme geben wird, um Fälschun­gen zu ver­hindern und die Authentizität von Roh­wa­ren, Lebens­mit­teln und deren Packun­gen sicherzu­stel­len.

 

b) Das EU „Food Fraud Network“ (FFN)

Um Betrugsfäl­len mit Lebens­mit­teln staa­tenüber­greifend bes­ser nach­ge­hen zu kön­nen, wurde unmit­telbar nach dem Pfer­de­fleisch­skandal im Juli 2013 das EU „Food Fraud Network (FFN)“ gegründet. Das FFN besteht aus den 28 EU-Mit­glieds­staa­ten sowie den Nicht-EU-Mit­glied­staa­ten Island, Nor­we­gen, Schweiz und der Kommis­sion (Gene­raldi­rek­tion für Gesundheit und Lebens­mit­tel­si­cher­heit).

Es wur­den bereits natio­nale Kon­takt­stel­len in den jewei­ligen Län­dern installiert. Dies sind die jeweils von den einzel­nen EU-Mit­glied­staa­ten benann­ten Behör­den – in Deutsch­land ist das Bundes­amt für Ver­brau­cher­schutz und Lebens­mit­tel­si­cher­heit (BVL) zuständig. Mit Hilfe der Kon­takt­stel­len will die FFN eine schnelle und effizi­ente Zusammen­arbeit bei grenzüber­schrei­tenden Ver­letzun­gen der Gesetzge­bung ermög­li­chen. Das Netz­werk trifft sich regelmäßig und hat bereits damit begon­nen, potenti­el­len Betrugsfäl­len im Umgang mit Lebens­mit­teln nach­zuge­hen.

 

c) Inwiefern unter­schei­det sich „Food Fraud“ von „Food Defence“?

Unter „Food Defense“ ver­steht man den Pro­dukt­schutz von Lebens­mit­teln vor mut­wil­liger Kon­ta­mi­na­tion oder Ver­fälschung durch bio­logi­sche, che­mi­sche, physikali­sche oder radioak­tive Stoffe – also den Schutz vor einem Angriff auf die Pro­dukt­si­cher­heit und -qualität von Außen. „Food Fraud“ hinge­gen bezeichnet eine mut­wil­lige Gefähr­dung der Pro­dukt­si­cher­heit oder Minimierung der Pro­duktqualität inner­halb der Pro­duk­ti­ons­kette durch eine oder mehrere in den Pro­duk­ti­ons­prozess ein­ge­bundene Par­teien – also einen Angriff auf die Pro­dukt­si­cher­heit und
-qualität von Innen.

 

Wich­tig für die Unter­scheidung dieser zwei Arten der absicht­li­chen Lebens­mit­telkon­ta­mi­na­tion ist, dass dahin­ter unterschiedli­che Motiva­tio­nen ste­cken: Die absicht­li­che Kon­ta­mi­na­tion/Ver­fälschung bei Lebens­mit­tel­betrug zielt auf Gewinnmaximierung. Gesundheit­li­che Kon­sequen­zen wer­den in Kauf genommen. „Food Defense“ hinge­gen ist der Schutz vor absicht­li­cher Kon­ta­mi­na­tion mit dem kon­kre­ten Ziel der öffent­li­chen Gesundheit bzw. dar­über den Lebens­mit­tel­un­ter­neh­men zu schaden.

Hin­sicht­lich der gesetzli­chen Rege­lun­gen und Richt­li­nien, wie mit der­ar­tigen Angriffen auf die Pro­dukt­si­cher­heit und -qualität umzuge­hen ist, gibt es im Bereich „Food Defense“ klare Vor­ga­ben. Diese begin­nen mit dem physikali­schen Schutz und der Über­wa­chung von Transport- und Pro­duk­ti­ons­prozes­sen und rei­chen bis zur – wenn notwendig – raschen Rückho­lung von gesundheits­schädli­chen Lebens­mit­teln.

 

In Deutsch­land kön­nen Rege­lun­gen sowie Richt­li­nien zu „Food Defense“ aus bereits vor­hande­nen gesetzli­chen und standard­spe­zi­fi­schen Rege­lun­gen zur grund­sätzli­chen Gewährleis­tung der Lebens­mit­tel­si­cher­heit abge­lei­tet wer­den. Der IFS Standard Food hat zudem in der aktuel­len Ver­sion ein eige­nes Anforde­rungskapi­tel für „Food Defense“ formuliert. Gesetzli­che ver­pflich­tende Rege­lun­gen zum Thema „Food Defense“ sind hinge­gen in den USA im Food Moder­niza­t­ion Act fest­ge­schrie­ben.

Im Bereich des „Food Fraud“ exis­tiert aktuell noch kein inter­na­tio­nal anerkann­ter Standard, an dem sich Unter­neh­men zum Pro­dukt­schutz ori­en­tie­ren kön­nen.