Bewertung von Krisenpotenzialen: Die vierte Dimension der Krise

Jede Krise hat drei Dimen­sio…FALSCH! Lange Zeit galt die Faust­formel von den drei Dimen­sio­nen, die den Ver­lauf und den Aus­gang einer Unter­neh­mens­krise bestimmen – der Ein­tritt eines realen Ereig­nis­ses, das Handeln der Akteure und das Image der Firma. Die Rech­nung lau­tet: Je schwe­rer das Ereig­nis, je unge­schick­ter das Agie­ren der Per­so­nen, je ange­schlage­ner die Firmenre­puta­tion, desto größer die Krise und umso hef­tiger die Reak­tio­nen der Öffent­lichkeit. Ein Bei­trag von Sybille Gei­tel

Bereits vor einiger Zeit habe ich diese Faust­formel in mei­nen Semina­ren und Vor­trägen um eine vierte Dimen­sion ergänzt, die des öffent­li­chen Rah­mens. Wel­che The­men beherr­schen gerade die allgemeine Diskus­sion? Wel­che Par­tei, Gewerkschaft oder Nicht­regierungs-Orga­ni­sa­tion ist auf der Suche nach einem Auf­re­ger, an dem man sich abar­bei­ten kann (und die eige­nen Rezepte als Gegen­entwurf prä­sen­tie­ren)? Wel­ches Ereig­nis spielt Journalis­ten in die Hände für eine schnelle Schlagzeile a la „Schon wieder … Sal­mo­nel­len/Werkschließung/Zug­ausfall“?

Ein eklata­n­ter Fall, wie sich allein aus dem Fak­tor „öffent­li­cher Rah­men“ ein handfes­tes Krisen­thema ent­wi­ckeln kann, liegt einige Jahre zurück. Das Private Equitiy-Unter­neh­men BC Part­ners war 1999 beim Armarturen­her­stel­ler Grohe in Hemer ein­ge­stie­gen – damals war diese Form des Inves­tments noch rela­tiv unbekannt in Deutsch­land. Statt des geplan­ten Börsen­gangs ver­kaufte BC Part­ners das Unter­neh­men 2004 an zwei Private Equity-Firmen. Dieser Secondary Buy­out wäre ver­mut­lich nicht über eine Bericht­erstat­tung auf den Wirt­schafts­sei­ten her­ausge­kommen, wenn nicht …, ja wenn nicht der dama­lige SPD-Vor­sitzende Franz Müntefering im Nach­barkreis sei­nen Wahlkreis gehabt und die Trans­ak­tion „haut­nah“ mit­ver­folgt hätte.

Zuvor bereits hatte sich Müntefering auf par­tei­in­ter­nen Ver­anstal­tun­gen über das aus sei­ner Sicht Geba­ren der Finanz­inves­to­ren aus­ge­las­sen; in einem Interview mit der Bild am Sonn­tag im April 2005 wieder­holte er seine Kri­tik öffent­lichkeits­wirk­sam: „Man­che Finanz­inves­to­ren blei­ben anonym, haben kein Gesicht, fal­len wie Heuschre­ckenschwärme über Unter­neh­men her, gra­sen sie ab und zie­hen wei­ter.“ Die Heuschre­cke war geboren als Syn­onym für Geldgeber, die Unter­neh­men kau­fen, um sie nach tiefen Einschnit­ten teu­rer wei­ter zu ver­kau­fen. Der Heuschre­ckenvor­wurf traf BC Part­ners unvor­be­rei­tet und mit vol­ler Wucht, obwohl der Inves­tor für Grohe an sich einen guten Job gemacht hatte

Kursmak­ler und Wert­pa­pier­händ­ler wähl­ten den Begriff 2005 übrigens zum Börsen­unwort des Jah­res; der Begriff zeige „ein völ­lig fal­sches Bild“ von Finanz­inves­to­ren, es werde damit „eine ganze Bran­che ver­unglimpft“. Aber der Schmähbe­griff klebt wei­ter an der Bran­che.

Für die Kri­sen­kom­mu­nika­tion bedeu­tet der öffent­li­che Rah­men als vierte Dimen­sion, bei der Bewer­tung einer mög­li­chen Krise zwin­gend auch über den Tel­lerrand, vulgo das Werksge­lände hin­aus zu schauen. Gerade wenn die erste Dimen­sion – der Ein­tritt eines realen Ereig­nis­ses – vom Unter­neh­men ganz oder teilwei­ses selbst bestimmt wer­den kann, muss die Frage gestellt (und beantwor­tet) wer­den, auf wel­chen öffent­li­chen Kon­text das eigene Handeln träfe. Viel­leicht lässt sich der Neubau der Lager­halle um ein paar Monate ver­schie­ben, falls dafür einige Bäume gefällt wer­den müss­ten, ganz Deutsch­land aber gerade die Ret­tung von „Hambi“ fei­ert …